Dramenanalyse: Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Brecht

In dem Drama “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, geschrieben von Bertolt Brecht in den Jahren 1929/32 geht es um Johanna Dark, die sich dazu berufen fühlt die Arbeiter aus der Armut zu befreien. Im Folgenden werde ich versuchen die Szene auf Seite 104-108 des Dramas zu analysieren. Die Intention des Textes ist es den Leser auf Abstand zu halten, damit er die Probleme der Arbeiter erkennt und sich mit Ihnen befassen kann. Dies werde ich versuchen aufzuzeigen.
Die Szene setzt an der Stelle ein, wo Johanna aus der Heilsarmee entlassen wurde, nachdem sie politisch versucht hat die Arbeiter aus ihrer schlechten Lage zu befreien und nun mit ihnen zusammen um die Wiedereröffnung der Schlachthöfe kämpft.
Johanna repräsentiert hier die Rolle einer Leitfigur für die Arbeiter. Zunächst ist sie zwar eher von dem Geschehen distanziert, weil sie den Zeitungsleuten, die ihr gegenüber vorurteilsbeladen und ignorant sind, nur kurze und abweisende Antworten gibt (z.B. Z. 8, Z. 15). Doch als sie dann mit den Arbeitern spricht schafft sie es sich mehr und mehr ihnen anzugleichen und wird für diese zur Leitfigur. Dies erkennt man daran, dass sie auf die Sorgen der Arbeiter eingeht und ihnen die Lage an einem einfachen Beispiel deutlich macht (Z. 47-64), in dem sie sagt, dass Ober- und Unterschicht voneinander abhängig sind. Bei diesem Beispiel verwendet sie wie auch später noch Enjambements, die Bewegung und Spannung in diesem Dialog hervorrufen. Außerdem zeigt sie den Arbeitern, dass sie erkannt hat in was für einer schlimmen Lage sie sich befinden und dass sie mit ihnen fühlt (Z. 106-110). Dadurch wird sie für die Arbeiter zur Identifikationsfigur. Sie will die Arbeiter beeinflussen und sie zum Nachdenken anregen, was besonders deutlich durch ihre Rhetorische Frage wird: “Was schon verlasst ihr?” (Zitat Z. 109). Außerdem drängt sie sich selbst in den Vordergrund, weil sie sagt, dass sie alles aufgegeben hat um ihrer Berufung (Z. 100) nachzukommen und den Arbeitern zu helfen. Sie gibt sogar vor gehen zu wollen und verdeutlicht damit zum einen das Elend und zum anderen erhält sie dann die Anerkennung der Arbeiter, weil diese darum bitten, dass sie bleibt: “Bleibt hier! Was auch kommt geht nicht auseinander!” (Zitat Z. 112-113). An anderer Stelle zeigt sie die Armut dadurch auf, dass ihr von einer Frau der Schal gestohlen wird. Durch dieses Erlebnis erkennt sie, dass in der Armut jeder für sich selbst verantwortlich ist und um sein Leben kämpfen muss (Z. 86). Sie tritt aber wieder dadurch hervor, indem sie den Whisky des alten Mannes trinkt, der in dieser schlechten wirtschaftlichen Lage sehr kostbar ist. Dies und die Aktion mit dem Schal verdeutlichen in dieser Szene ganz klar, wie schlecht es den Arbeitern wirklich geht. Insgesamt tritt Johanna als unaufgeklärter Mensch auf, der aus Mitleid alles für das Recht der Arbeiter aufgibt und mit ihnen gemeinsam kämpfen will, jedoch ohne Gewalt.
Bei den Arbeitern gibt es zwei verschiedene Gruppen. Die erste Gruppe glaubt, dass die Schlachthofbesitzer moralisch handeln werden und die Schlachthöfe wieder öffnen werden, wenn sie sehen wie groß die Armut wirklich ist: “Vor die Not nicht am höchsten ist werden sie die Fabriken nicht aufmachen.” (Zitat Z. 27-28). Die zweite Gruppe hingegen unterstellt den Schlachthofbesitzern kapitalistisches Denken, weil sie sagen, dass sie die Schlachthöfe erst öffnen werden, wenn ihr Profit steigt: “Sie werden nicht aufmachen! Nicht, vor ihr Profit steigt.” (Zitat Z. 35-36). Außerdem denken sie, dass ihr Widerstand unterdrückt werden wird und dass sie nur gemeinsam stark sind. Im Laufe der Szene wachsen diese beiden Gruppen, auch beeinflusst durch Johanna immer mehr zu einer Gemeinschaft mit dem selben Ziel zusammen. Am Schluss sind alle Arbeiter der Meinung, dass sie gemeinsam stark sind und nur mit Gewalt ihr Ziel (die Wiedereröffnung der Schlachthöfe) erreichen können (Z. 122-123). Insgesamt treten die Arbeiter hier als eine Gruppe auf, die alle das gleiche Leid erfahren und sich durch Johanna lenken und beeinflussen lassen. Das bemerkt man z.B. daran, dass sie zum Schluss darum bitten, dass Johanna bei ihnen bleibt, nachdem diese sie gezielt zu dieser Aussage gelenkt hat, weil sie vorgibt gehen zu wollen (Z. 104 oder Z. 110). Die Sprache der Arbeiter ist mit Blankversen ausgestattet und es gibt in der Szene mehrere Antilaben, die einen gehetzten Dialog bewirken und damit die Panik und die Ausweglosigkeit der Arbeiter verdeutlichen.
Abschließend lässt sich sagen, dass Brecht Johanna benutzt um die Armut der Arbeiter aufzudecken und sie damit dem Zuschauer darzustellen, sodass dieser über die vorhandenen Probleme nachdenkt und sie hinterfragt. Brecht will damit den Zuschauer zum Nachdenken anregen. Er vermeidet dafür eine Identifikation des Zuschauers, indem er die skrupellosen Geschäftspraktiken der Schlachthofbesitzer im Kontrast zur stilisierten Verssprache (Blankverse) darstellt. Das Drama beruht auf dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und somit hat Brecht die Intention gehabt dem Zuschauer die Probleme der Weltwirtschaftskrise an einem Beispiel, den Schlachthöfen, zu verdeutlichen. Meine eigene Meinung dazu ist, dass es Brecht wirklich gelungen ist die schlechten Verhältnisse zur Zeit der Weltwirtschaftskrise auf dem Hintergrund seiner Dramentheorie des epischen Theaters darzustellen.

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Eine Antwort to “Dramenanalyse: Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Brecht”

  1. wohlert1000 Says:

    Ramona,
    ich finde es nicht einfach, dir einen Kommentar zu schreiben. Teilweise bringst du gute Deutungsansätze, wie die Intention Brechts, die dramatische Sprache, den Kontrast der Sprache zum Geschehen. Anderseits vereinfachst du die Szene, wenn du beispielsweise Johanna als Identifikationsfigur für die Arbeiter darstellst und ihr Manipulation der Arbeiter unterstellst- mit ihren doch eher Selbstmitleidigen Äußerungen. Diese verdeutlichen vielmehr, die Probleme der Solidarisierung von Bessergestellten mit den einfachen Arbeitern. Dabei hast du manche Punkte sprachlich nicht deutlich genug herausgestellt, z.B. dass Johanna durch die Situation regelrecht unmoralisch wird, obwohl sie doch so vorbildlich war! Das Sein bestimmt das Bewusstsein…
    Sprachlich solltest du unbedingt auf Wiederholungen, präzise Wortwahl, richtige Zitiertechnik (z.B. indirekte Zitate immer mit „vgl.'“ kennzeichnen) und einfache Satzbauten achten.
    Vielleicht hilft es auch, wenn du längere Texte im Vorfeld gründlicher gliederst.

    Gruß Wohlert

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